********************************** * * * EUROPLACE-MATERIALIEN * * * ********************************** RUNDBRIEF NUMMER FUENFZEHN THEMA: "DIE ARBEITSWELT UND DAS INTERNET" In Zeiten eines problematischen Arbeitsmarktes hat das Neue meist zwei Auswirkungen. Entweder es floesst den Menschen Angst und Schrecken ein (weil es eben neu und unbekannt ist). Oder es schuert grosse Hoffnungen (weil daraus neues Einkommen und bisher ungeahnte Moeglichkeiten entstehen koennen). Diese Zwiespaeltigkeit konnten wir schon in den 70er Jahren mit der Computerisierung beobachten - und sie erlebt heute mit dem Internet eine Neuauflage. Diese gemischten Gefuehle sind Zeichen des gesellschaftlichen und technischen Wandels. Einerseits besteht fast fuer jeden Grund zur Sorge. Morgen schon kann vielleicht der Arbeitsplatz in einem Hochlohnland aufgehoben und auf dem Wege der Telearbeit in ein Niedriglohnland verlagert werden. Welche Chancen haben wir in Deutschland, der Schweiz und Oesterreich mit unseren Gehaeltern und Arbeitskosten, wenn wir mit franzoesischen Dolmetschern, mit koreanischen Programmierern und indischen Grafikern konkurrieren sollen? Die ganze Welt kann per Internet in Sekundenschnelle erschlossen werden. Auch durch die Arbeitgeber, die allenfalls eine Menge von Auftraegen in andere Laender vergeben koennen. Welche Jobs sind heute noch richtig sicher? Andererseits war das Internet in den vergangenen Jahren der Krise auch in unserer Weltgegend der einzige Wachstumsmarkt. Viele Leute, die sonst vielleicht arbeitslos geworden waeren, haben durch das Internet Arbeit und neue Perspektiven erhalten. Wenn man in den langen Krisenjahren der 90er ueberhaupt noch etwas verdienen konnte, dann war es in der Welt der neuen Medien und des Cyberspace. Ganze neue Berufsgruppen sind hier entstanden, die es vor einigen Jahren noch nicht gab. Die Zwiespaeltigkeit dauert somit fort. Einerseits heizt das weltumspannende Netz den Globalisierungs- prozess weiter an. Andererseits ginge es vielen Menschen bei uns deutlich schlechter, wenn es nicht wenigstens diesen einen Wachstumsmarkt gaebe. Auf jeden Fall fahren wir alle besser, wenn wir uns auf das Vorhandensein des neuen Mediums einrichten und jeder ganz persoenlich fuer sich den Weg zwischen den beiden Extremen "Angst" und "Euphorie" zu finden versucht. NEWSGRUPPEN Stellenanzeigen-Maerkte gibt es im Internet wie Sand am Meer. Ganz am Anfang standen die Newsgruppen de.markt.arbeit.angebote, de.markt.arbeit.gesuche, de.markt.jobs, bln.jobs, bln.markt.arbeit, z-netz.fundgrube.job-boerse, at.jobs, at.anzeigen.arbeitsmarkt, um nur einmal einige zu nennen. Viele solcher Newsgruppen haben schon etliche Jahre Tradition und ziehen nach wie vor viel Publikum zu sich. Studenten, Ingenieure, Handelsvertreter, Sekretaerinnen - alles, was irgendwie Arbeit sucht und Internet- Anschluss hat, landet frueher oder spaeter in einer dieser vielen Job-Newsgruppen (hier nur einige wenige und nur aus dem deutschen Sprachraum genannt). ZEITUNGEN & CO. Wohl auch das Beispiel, dass solche Stelleninserate im grossen Stil Publikum anziehen, eroeffneten bald darauf viele Zeitungen auch in ihren Online-Ausgaben kostenlose Stellenmaerkte. Fuehrend und absolut sensationell ist hier die ZEIT (Ehre, wem Ehre gebuehrt). Die ZEIT unterhaelt einen eigenen Such-Roboter im Internet, der staendig die verschiedensten Online-Stellen- anzeigen absucht. Unter ¬http://www.jobs.zeit.de/ findet man das wirklich sehenswerte Angebot der ZEIT. Unter anderem bietet sie auch ein kostenloses E-Mail-Abonnement. Man kann sich die Stellenanzeigen aus der Print-Ausgabe der ZEIT per E-Mail uebermitteln lassen. Nach eigenen Angaben hatte man im Sommer 1997 38,000 E-Mail-Adressen auf der Empfaengerliste. Es gibt daneben von den grossen Zeitungen und Medienunternehmen noch eine Reihe weiterer Stellenmaerkte (z.B. die WDR-Jobboerse unter www.wdr.de/jobs/bin/index.cgi). Aber man muss zugeben, dass technisch keine einzige dieser Boersen an das Niveau der ZEIT heranreicht. ONLINE-ANZEIGEN Und nach diesen Medienunternehmen entstand die Gruppe der Online- Stellenanzeigen. Vorbild fuer alle war hier wohl Jobs & Adverts (www.jobs.adverts.de). Hier koennen sich Firmen mit ihren offenen Positionen gegen eine Gebuehr umfassend praesentieren. Nach eigenen Angaben macht Jobs&Adverts mit diesem Dienst zwei- stellige Millionenumsaetze pro Jahr. Auffaellig ist bei diesem Dienst auf den ersten Blick seine eher bescheidene Aufmachung. Im Vergleich z.B. zum Leistungsniveau der ZEIT mag manch einer beim Anblick enttaeuscht sein. Das Konzept von Jobs & Adverts wurde seither vielfach im deutsch- sprachigen Internet neu aufgelegt. Eine kleine Zusammenstellung von Online-Stellenmaerkten: www.arbeit-online.de www.mamas.de www.bewerbung.de www.jobnet.de www.stellenmagazin.de www.stellen.ch Hierzu kommen noch sicher Hunderte von Kleinanzeigen-Maerkten (z.B. www.webmarkt.de, www.iqanzeigen.de, www.gratisgratis.ch), die unter anderem auch Stellenanzeigen veroeffentlichen. UND ALLE ANDEREN NATUERLICH AUCH... Die zum Teil sensationellen Besucherzahlen auf den Homepages von Stellenanzeigen-Maerkten fuehrten dazu, dass mehr und mehr Anbieter im Net das Gefuehl hatten, sie koennten ueber dieses Instrument des Arbeitsangebots auch viele, viele Besucher auf ihre Homepage ziehen und diese dann in der einen oder anderen Form in Umsatz zu verwandeln. Einen Hoehepunkt erreichte diese Entwicklung gegen Ende 1996, als man auf fast jeder Homepage im Net in irgendeiner Form Stelleninserate fand. Werbeagenturen, Fernsehzeitschriften, Elektronikhaendler, Softwarehaeuser, Reisebueros - in irgendeiner Form war stets auch ein Job-Teil enthalten (selbst wenn der mit dem eigentlichen Unternehmenszweck gar nichts zu tun hatte). Diese Strategie ist fehlgeschlagen. Zwar zogen einige Anbieter tatsaechlich mit solchen Stelleninseraten Besucher auf ihre Homepage. Aber diese Besucher waren eben Leute, die an einem Arbeitsangebot und nicht an der eigentlichen Unternehmensleistung interessiert waren. Und deshalb auch sind viele dieser Job-Ecken im Laufe des Jahres 1997 wieder weitgehend aus dem Net verschwunden. Man darf annehmen, dass die Projekte in vielen Faellen sogar ausgesprochene Verlustgeschaefte waren. WER FIANZIERT? Selbst die Zeitungen haben teilweise ihre Job-Anzeigen-Projekte wieder abgebrochen. So hatte beispielsweise das Schweizer Pendent zur ZEIT, "Die Weltwoche" (www.weltwoche.ch) bis Sommer 1997 auch noch einen - bescheidenen - Stellenmarkt, der dann sang- und klanglos verschwand. Und in den Online-Ausgaben anderer grosser Blaetter sucht man Stellenteile meist vergebens. Ein gravierendes Problem mit Online-Anzeigenmaerkten ist die Frage nach der Finanzierung des Ganzen. Viele Zeitungen werden am Kiosk nur gekauft wegen der Stellenanzeigen. In dem Moment aber, in dem man die Stellenanzeigen online abrufen kann, wird das Interesse geringer, die Zeitung zu kaufen. Und so kann sich ein Online-Stellenmarkt fuer ein Publikationsorgan zum Verlustgeschaeft entwickeln. Denn die Zeitungen standen vor der Wahl, entweder ihren Stellenteil online anzubieten (und nichts zu verdienen) oder ihn nur in der gedruckten Ausgabe zu bringen (und etwas damit zu verdienen). Die Wahl duerfte nicht schwer gefallen sein... DER FALL "HUMAN LINE" Ein besonders interessanter Ansatz ist aus der Schweiz zu berichten. Unter dem Namen Human Line bringt dort eine Firma alle in der Schweiz in den grossen Zeitungen erscheinenden Stelleninserate online zum Abruf. Abrufen kann diese Inserate, wer den Human-Line-Dienst kostenpflichtig abonniert hat. Die Kosten des Abonnements liegen dabei unter den Kosten, die man aufwenden muesste, um alle diese Zeitungen zu kaufen. Ein interessanter Ansatz, wie gesagt. Ob er sich auf laengere Sicht durchsetzt, bleibt abzuwarten. Insbesondere gibt es auch hier wieder ein juristisches Problem. Denn die bewusste Firma wurde vom Verlag des groessten Stellenanzeigen-Blattes der Schweiz unterdessen verklagt. In jedem Fall wird durch dieses Beispiel sehr gut demonstriert, dass man im Internet tatsaechlich mit relativ geringem Aufwand ein Geschaeft in Bewegung setzen und unter Umstaenden auch manches grosse Unternehmen das Fuerchten lernen kann. NEUE KONZEPTE Etwas duerfte hier besonders deutlich werden: Wer noch einen Beweis dafuer brauchte, dass der Cyberspace letztlich das reale Leben abbildet, der hat ihn hier. Inzwischen sind auch im Internet die Eldorado-Zeiten vorbei. Und als Stellungsuchender steht man vor diesem Angebot (siehe oben) genau so wie am Kiosk um die Ecke vor den vielen Zeitschriften mit Stellenanzeigen. Zwar bietet das Internet schnell und interaktiv diese Anzeigen. Aber die Vielfalt ist inzwischen genau so gross wie ausserhalb des Cyberspace. Neue Ansaetze wie Human Line bauen sogar darauf auf, dass sie die unuebersichtliche Vielfalt ordnen. Vermutlich werden wir in den kommenden Monaten und Jahren sicher noch die verschiedensten Ansaetze in dieser Richtung beobachten koennen. Aber auch hier muessen wir uns sagen, dass letztendlich vermutlich diejenigen das Rennen machen werden, die die besonderen Vorteile des Mediums Internet zu nutzen wissen u n d die den Wuenschen der Menschen allgemein am besten entsprechen. AUSSTERBEN DES KLASSISCHEN ABREITSVERHAELTNISSES ? Das Internet bringt Menschen ueber grosse raeumliche Distanzen zueinander. Es ist nur natuerlich, dass dies auch das Rechtsverhaeltnis zwischen ihnen beeinflussen wird. Wenn sich das oesterreichische Bauunternehmen seine Plaene per Internet von einem franzoesischen Architekten erstellen und uebermitteln laesst, dann kann man sich hier eigentlich nur noch schwer ein klassisches Dienstverhaeltnis mit Arbeits- und Treuepflicht auf der einen, Sorgfalts- und Vorsorgepflicht auf der anderen Seite vorstellen. Zunehmen wird sicher der Einmal-Auftrag. Anstatt in einem festen Arbeitsverhaeltnis zu stehen, werden viele Menschen einmalige Auftraege aus dem Internet beziehen und dafuer ein einmaliges Honorar berechnen. In vielen Faellen, wenn es sich um ein grenzuebergreifendes Geschaeft handelt, waere eine Festanstellung gar nicht moeglich. Deshalb aber gleich vom Aussterben der klassischen Arbeit zu sprechen, ist eindeutig uebertrieben. In vielen Wirtschaftsbereichen, in denen besondere Treue, betriebliche Geheimhaltung u.s.w. eine Rolle spielen, wird man auf das Arbeitsverhaeltnis nicht verzichten koennen. Desgleichen in den Bereichen der industriellen Fertigung, wo ja Anwesenheit und festes Arbeitsverhaeltnis immer erforderlich sind. Und manche Vision, von der man hier so hoert (z.B. dass ein Facharbeiter von zu Hause aus per Internet einen Produktionsroboter steuert), ist auch ausgesprochen unrealistischer Bloedsinn. Die Gesellschaft von Selbstaendigen und Scheinselbstaendigen ist mit Sicherheit n i c h t die Zukunft (obwohl wir annehmen koennen, dass der Anteil an klassischen Arbeitnehmern an der Gesamtheit der Gewerbetreibenden in den naechsten Jahren zurueckgehen wird). TELEARBEIT Eines der heissesten Themen unserer Zeit ueberhaupt ist Telearbeit. Telearbeit, also die Verbindung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer nur noch per Datenleitung, entspricht einem Beduerfnis in der Bevoelkerung. Telearbeit entspricht den geaenderten Lebensgewohnheiten der Gesellschaft. Mutterschaft oder Weiterbildung sind mit Telearbeit nicht unbedingt zwingende Gruende zur Aufgabe der Berufstaetigkeit. Mit Telearbeit koennten in der Wirtschaft Milliardenbetraege eingespart werden - und zwar ohne breitflaechigen Abbau von Arbeitsplaetzen. Leider verzeichnen wir heute, Sommer 1997, noch eine gewisse Zurueckhaltung betreffend Telearbeit. Obwohl eine Umsetzung technisch bereits in betraechtlichem Umfang moeglich waere, sind gerade kleinere und mittelgrosse Unternehmen zur Zeit - vielfach auch rein psychologischen Gruenden - oft noch nicht bereit, diesen Gedanken aufzugreifen und zu realisieren. Was hier bis anhin noch fehlt, ist Ueberzeugungsarbeit. Gerade dem Kleinbetrieb vor Ort muss man klarmachen, dass er mit wenig Aufwand durch Umstellung auf Telearbeitskonzepte viele Tausende im Jahr sparen kann. Es entfallen Investitionen fuer Buero- Infrastruktur, Fuehrungsaufwand, Parkplaetze, Kantine u.s.w. Die Firma wird als Ganzes unabhangiger bei der Standort-Wahl (da es mit ausgelagerten Arbeitsplaetzen gar nicht mehr so bedeutend und entscheidend ist, nun an teuerer Grossstadtlage vertreten zu sein). Gerade in den deutsschsprachigen Laendern mit unseren enormen Arbeitskosten waeren wir gut beraten, wenn wir uns moeglichst bald an die Umsetzung solcher Konzepte heranmachen wuerden. Denn Telearbeit mit ihren Einspareffekten wuerde gerade uns helfen, unsere Produkte auf den Weltmaerkten etwas billiger und konkurrenzfaehiger zu machen. Wir hoffen in jedem Fall, dass wir mit unserer Schriftenreihe - und mit Artikeln in der Fachpresse - einen Beitrag zu dieser Ueberzeugungsarbeit leisten koennen. GAUNEREIEN Wie ueberall, wo Menschen sich begegnen, sind natuerlich auch im Internet immer bestimmte Anbieter dabei, deren Angebot meist nicht alllzu vertrauenerweckend ist. Und im Internet spielten Existenzgruendungsschwindler von Anfang an eine grosse Rolle. (Allerdings ist ihr Anteil insgesamt inzwischen zurueckgegangen). Es ist dabei gar nicht immer einfach, serioese und unserioese Angebote voneinander zu unterscheiden. Denn ob hinter einer Lizenz- Gebuehr ein solides Projekt oder eben nur ein Abkassierer steht, das laesst sich letztlich nur herausfinden, wenn man auf das Geschaeft einsteigt. Mittlerweile gibt es ein recht gutes Informations-Netzwerk zu aktuellen Geschaeftsangeboten auf dem Markt. So kann man z.B. in der Newsgruppe de.markt.arbeit.d selbst eine Anfrage plazieren oder auch nur die dort erscheinenden Warnungen verfolgen. Da wird man schon manchen Aufschluss gewinnen und vor manchem Reinfall bewahrt werden. 1997 besonders hervorgetreten sind bestimmte Schneeballsysteme. Da ist einerseits der Homepage-Schneeball. Sie zahlen eine hohe Mitgliedsgebuehr und erhalten dafuer eine Homepage, auf der Sie neue Mitglieder werben (die dann auch wieder die Gebuehr entrichten). Und andererseits fiel ein Schneeball mit Telefonkarten auf. Mit diesen Telefonkarten sollte man angeblich verbilligt telefonieren koennen - das eigentliche Geschaeft waere aber, neue Kaeufer von Telefonkarten anzuwerben. Insgesamt, wie gesagt, sind die Gauner auf dem Rueckzug. Trotzdem sei jeder gewarnt vor solchen Abenteuern, bei denen in der Regel nur etwas fuer die Betreiber herauskommt. (Uebrigens noch eine Warnung an die Schweizer Leser: In der Schweiz sind solche Schneebaelle gesetzlich verboten - wer daran teilnimmt, riskiert eine ordentliche Geldbusse.) Vielen Dank fuer Ihre Aufmerksamkeit. Besuchen Sie bitte auch unsere Homepage http://www.europlace.com 100 MB Web-Server mit unbeschraenktem Datenverkehr fuer DM/Fr. 70.-- pro Monat Ihr Europlace-Team